Interview

„Ich spreche nie wieder russisch!“ – Über das Ablegen und Wiedergewinnen der russischen Sprache

Viele Russlanddeutsche der zweiten Generation sprechen kaum bis gar kein Russisch mehr. Hier erzählen und analysieren die Journalistin Natalia Wenzel-Warkentin und Jannis Panagiotidis über die möglichen Gründe und wie man sich die Sprache wieder zurückerobern kann.
Text Olga Sprache Bild

Als wir nach Deutschland kamen, wurde unser Russisch zu einem Flüstern, bis es mit den Jahren gänzlich verstummte. Deutsch wurde zu unserer Muttersprache, auch wenn es nicht die Sprache unserer ersten Wörter und Gedanken war. So erging es nicht nur mir und meiner Familie. Etliche Russlanddeutsche haben über die Jahre der Assimilation ihre eigentliche Muttersprache oder sagen wir die Sprache, die sie zuerst gelernt haben, verloren oder auch aktiv abgelegt.

„Ich spreche ab jetzt nie wieder russisch!“, das sagte die Journalistin Natalia Wenzel-Warkentin zu ihren Eltern, als sie mit drei Jahren vom Kindergarten nach Hause kam. Es ist eine dieser Kindheitsanekdoten, an die sie sich selber nicht mehr erinnern kann, ihre Eltern aber nicht müde wurden, sie zu erzählen. „Bis ich drei Jahre alt war sprach ich wohl ein gutes kindliches Russisch. Dann bin ich eines Tages weinend aus dem Kindergarten gekommen und habe gesagt: ,Ich spreche nie wieder russisch’. Meine Eltern sagen, dass ich mich ab diesem Moment auch konsequent daran gehalten habe. Ich habe nur noch auf Deutsch gesprochen, auf Deutsch geantwortet. Meine Eltern haben dann auch nicht versucht, mich weiter beim Russischen zu lassen“.

Als wir nach Deutschland kamen, wurde unser Russisch zu einem Flüstern, bis es mit den Jahren gänzlich verstummte.

 

Wie Natalias Eltern ließen viele andere Russlanddeutsche Eltern zu oder halfen aktiv dabei, dass ihre Kinder das Russische verlernten. Dies konnte auch der ehemalige Juniorprofessor für Migration und Integration der Russlanddeutschen an der Universität Osnabrück, Jannis Panagiotidis in seiner Forschung beobachten. „In den qualitativen Interviews – die ich geführt, aber auch gelesen habe – haben die Mitglieder der anderthalbten und zweiten Generation angegeben, dass sie kein oder kaum Russisch gelernt haben. In der Familie wurde kein Wert darauf gelegt, das Russische zu vermitteln, eher im Gegenteil. Es wurde vermieden. Spätestens wenn die Kinder in den Kindergarten oder die Schule kamen, wo die Umgebungssprache Deutsch ist, wurde diese dann im Sprachgebrauch dominant“.

Hinzu kommt noch, dass viele Pädagog:innen und Lehrende Russlanddeutsche Eltern unter Druck setzten, zu Hause ebenfalls deutsch zu sprechen. „Die Erzieherinnen haben meinen Eltern damals angeraten, bitte unbedingt deutsch mit mir zu sprechen. Das sei das Wichtigste, damit ich die Sprache vollkommen und zu 100 Prozent lerne und das Russische stünde mir dabei nur im Weg. Meine Eltern haben denen natürlich vertraut. Sie wollten, dass ihr Kind zu 100 Prozent integriert wird. Das Ende der Geschichte ist, dass ich heute Russisch verstehe, aber nicht aktiv sprechen kann.“

Es gab durch das Gesetz, durch die Aufnahme als Spätaussiedler einen Assimilationsdruck. Die Erwartung, dass dort Deutsche kamen, die gefälligst deutsch zu sprechen hatten.

Diese negative Sichtweise auf Zweisprachigkeit bei Kindern besteht noch heute. Noch 2018 titelte die Welt: „Auch zu Hause muss deutsch gesprochen werden!“, und prophezeite allen bilingualen Kinder mit sogenanntem Migrationshintergrund eine düstere Zukunft. Unvergessen bleibt auch der Leitantragsentwurf der CSU im Jahr 2014, in dem hieß: „Wer dauerhaft hier leben will, soll dazu angehalten werden, im öffentlichen Raum und in der Familie deutsch zu sprechen“. Geschenkt ist hierbei, dass Studien seit Jahren kein Hindernis in Mehrsprachigkeit bei Kindern sehen, wie zuletzt auch wieder eine wissenschaftliche Arbeitsgruppe der TU Dortmund feststellte.

Allerdings kam bei Russlanddeutschen noch ein weiterer Aspekt hinzu, der eine bilinguale Erziehung deutlich erschwerte, wie Jannis Panagiotidis herausstellt: „Es gab durch das Gesetz, durch die Aufnahme als Spätaussiedler einen Assimilationsdruck. Die Erwartung, dass dort Deutsche kamen, die gefälligst deutsch zu sprechen hatten. In dem Moment, indem die Leute russisch sprachen, wurde gesagt, das sind halt Russen. Was dann wiederum diese ganzen negativen Konnotationen der deutschen Imagination mit sich brachte und die Infragestellung ihrer legitimen Identität als Deutsche, die ja die Grundlage für die Aufnahme war. Was wollen denn die ganzen Russen hier, wenn das doch angeblich alles Deutsche sind.“ Auch die Gesetzeslage verschärfte dieses Anliegen. 1997 wurde das Bundesvertriebenen Gesetz insoweit angepasst, dass russlanddeutsche Spätaussiedler:innen einen Sprachtest durchführen mussten, um in Deutschland aufgenommen werden zu können.

§ 6 Volkszugehörigkeit

„Das Bekenntnis zum deutschen Volkstum muss bestätigt werden durch den Nachweis der Fähigkeit, zum Zeitpunkt der verwaltungsbehördlichen Entscheidung über den Aufnahmeantrag, in Fällen des § 27 Absatz 1 Satz 2 im Zeitpunkt der Begründung des ständigen Aufenthalts im Geltungsbereich dieses Gesetzes, zumindest ein einfaches Gespräch auf Deutsch führen zu können, es sei denn, der Aufnahmebewerber kann diese Fähigkeit wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder wegen einer Behinderung im Sinne des § 2 Absatz 1 Satz 1 des Neunten Buches Sozialgesetzbuch nicht besitzen.“

Hinzukommt weiterhin, dass nicht nur die Gesetzeslage und die Gesellschaft einen Assimilationsdruck auf die Zugewanderten ausübten. Denn viele der Russlanddeutschen hatten in ihrer gefühlt alten neuen Heimat das Bedürfnis, die Sprache, die sie in der Sowjetunion nicht praktizieren durften, hier wieder aufleben zu lassen. Wobei auch hier nicht ganz klar ist, inwiefern dieser Wunsch den Menschen innewohnte, wie der Wissenschaftler Panagiotidis in seiner Feldforschung beobachten konnte: „Mein Eindruck ist, dass es in vielen Familien den Willen zur Assimilation gab. Wobei man darüber streiten kann, wie freiwillig dieser Wille ist, wenn äußerer Assimilationsdruck da ist. Es war schon ein Anliegen der älteren Generation, das in der Sowjetunion verlorene Deutsch wiederzubeleben. Gleichzeitig hat man gemerkt, wenn man russisch spricht, kommt das auch nicht gut an. Wenn man mit Akzent spricht, kommt das nicht gut an und ein rollendes „r“ ist ganz problematisch“.

Dies ist kein individuelles Empfinden der Spätaussiedler:innen. In der 2017 durchgeführten Deutschlanderhebung zu Sprachen vom Leibniz Institut für deutsche Sprache wurde festgestellt, dass Russisch in der repräsentativen Studie als eine der unsympathischsten Sprachen eingestuft wurde.

Wie die Sprache von anderen empfunden wird, ist Natalia mittlerweile egal. Viel zu stark war ihre Sehnsucht nach ihrer Identität, damit auch ihrer Familiengeschichte und eigentlichen Muttersprache. „Wenn man in sich hineinhorcht, spürt man eine Sehnsucht. Aus dieser Sehnsucht heraus habe ich mich zum ersten Mal mit meiner Familiengeschichte auseinandergesetzt, mit den ganzen Traumata und Geschehnissen, die dazugehören und mit der Sprache“. Mittlerweile besucht sie sogar einen Russisch-Sprachkurs an einer Volkshochschule, lernt mit Deutschen zusammen wieder das „r“ zu Rollen und den kyrillischen Buchstaben Bedeutung abzugewinnen. Und auch wenn dieser Sprachkurs nur ein Puzzleteil zurück zu ihrer Geschichte ist, erhofft sie sich dadurch wieder mehr zu sich selbst zu finden. 

„Ich erhoffe mir, dass ich dadurch weniger diese Sehnsucht habe und dadurch mehr zu meinem ,true self‘ komme. ,Back to the roots’ irgendwie, ohne aber all das was ich durch meine Integration und Migration in die deutsche Gesellschaft gewonnen habe, aufgeben zu müssen. Man hat so das Gefühl, man ist nach Deutschland gekommen und hat viel von seiner eigentlichen Herkunft hergegeben. Ob bewusst oder unbewusst, aber irgendwie ja schon. Sich das wiederzuholen, kann, muss ja nicht bei jedem, dazu führen, dass man ein vollständigeres Bild von sich selbst hat. Ohne diese vielen Leerstellen, die man durch die Recherche und Beschäftigung mit diesem Thema gefunden hat. Zu einer ganzheitlicheren Version seiner selbst zu kommen. Das ist natürlich die Idealvorstellung.“

 

Interview: Olga Felker