Interview

Warum sagen wir eigentlich „Russlanddeutsche“?

Wir werden häufig gefragt, warum wir die Bezeichnung „Russlanddeutsche“ verwenden und nicht z.B. „Sowjetdeutsche“, „Deutsche aus Russland“ oder andere Bezeichnungen. Auf diese Frage antwortet unser Social-Media-Manager Sergej Prokopkin.
Foto: privat

Wen genau bezeichnet der Begriff „Russlanddeutsche“? Warum gibt es für die Gruppe so viele verschiedene Begriffe und wie verhalten sich die verschiedenen Bezeichnungen zueinander?

„Russlanddeutsche“ ist aktuell die am häufigsten verwendete Selbst- und Fremdbezeichnung für Nachkommen der Kolonist:innen des 18. und 19. Jahrhunderts, die im Zuge der russischen Kolonisationspolitik überwiegend aus den deutschen Kleinstaaten angeworben und in verschiedenen Gegenden des Russischen Reichs angesiedelt wurden.

Unmittelbar nach der Einwanderung der Kolonist:innen in das Zarenreich und Gründung der ersten Kolonien wurden sie nach ihrer Zugehörigkeit zum Siedlungsgebiet und/oder nach ihrer Herkunftsbezeichnung oder Religionszugehörigkeit benannt: Schwarzmeerkolonist:innen, Wolgakolonist:innen, menonitische Kolonist:innen, Kaukasusschwaben und Kaukasusschwäbinnen usw.

Im Jahr 1871 wurde die staatliche Sonderverwaltung über die Kolonien aufgehoben und die deutschen Ortschaften wurden in die allgemeine Verwaltung eingegliedert. Seitdem wurden sie offiziell Siedler:innen genannt. Bis in die 1930er Jahre waren in der Sowjetunion die üblichen regionalen Bezeichnungen Wolgadeutsche, Ukrainedeutsche, Krimdeutsche, Wolhyniendeutsche oder Kaukasusdeutsche dominierend. Die Mennoniten sahen sich daneben als eine besondere ethnonationale Gruppe an.

Bereits nach der Oktoberrevolution und mit der Gründung der Autonomen Sozialistischen Sowjetrepublik der Wolgadeutschen etablierte sich die Bezeichnung „Sowjetdeutsche“. Diese beinhaltete die ideologische Komponente und Abgrenzung zum Zarenreich. Im Zuge der sowjetischen Nationalitätenpolitik wurden die Siedler:innen als eine homogene Gruppe der Deutschen behandelt. Durch die Deportationen während des Zweiten Weltkriegs bildete sich eine sog. „Schicksalsgemeinschaft“. Dieser Prozess verstärkte die „Homogenisierung“ der Deutschen in der UdSSR. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die Bezeichnung „Sowjetdeutsche“ durch die Bezeichnungen abgelöst, die sich auf die Herkunftsstaaten der Menschen nach der Deportation bezogen: Russlanddeutsche, Kasachstandeutsche, Kirgisiendeutsche usw.

Während eine Selbstbezeichnung einen Teil der Identität darstellt, werden die Fremdbezeichnungen zumeist nur geduldet oder gar abgelehnt. Parallel besteht auch die Möglichkeit des sog. Claimings – einer Übernahme der zumeist negativ besetzten Fremdbezeichnung und ihre Überführung in eine positiv konnotierte Selbstbezeichnung.

Warum hat sich dann der Begriff Russlanddeutsche weitgehend durchgesetzt?

Diese Frage lässt sich nicht abschließend beantworten. Eine Erklärung scheint mir jedoch besonders plausibel: Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde Russland zu ihrem Nachfolgestaat. Somit wurden aus den Sowjetdeutschen die Russlanddeutschen.

Du sprichst am Anfang von Selbstbezeichnung und Fremdbezeichnung. Was meinst du damit?

Eine Selbstbezeichnung ist Ausdruck dessen, wie eine Person oder eine Gruppe sich selbst definiert. Im Gegensatz dazu werden Fremdbezeichnungen Menschen und Gruppen von außen zugewiesen oder aufgedrückt. Während eine Selbstbezeichnung einen Teil der Identität darstellt, werden die Fremdbezeichnungen zumeist nur geduldet oder gar abgelehnt. Parallel besteht auch die Möglichkeit des sog. Claimings – einer Übernahme der zumeist negativ besetzten Fremdbezeichnung und ihre Überführung in eine positiv konnotierte Selbstbezeichnung. Ein Beispiel dafür ist die Bezeichnung „queer“, die früher überwiegend negativ verwendet wurde und inzwischen positiv besetzt ist.

Würdest du dich selbst als Russlanddeutsche:r bezeichnen?

Jein. Persönlich benutze ich diese Bezeichnung nur in bestimmten Kontexten und zwar strategisch. Geht es mir um Vernetzung, Aufarbeitung von Diskriminierungserfahrungen, Geschichte meiner Vorfahren oder bestimmte politische Kämpfe, bin ich Russlanddeutscher bzw. RD. Dabei möchte ich selbst entscheiden, wann ich diese Bezeichnung verwende. Ansonsten greife ich lieber auf andere Identitätsmerkmale zurück.  

Wir haben uns entschieden, die Bezeichnung Russlanddeutsche zu verwenden. Wir beziehen uns (...) auf das Einwanderungsland der Kolonist:innen, also das zaristische Russland. Somit versuchen wir einen Spagat zwischen der Einwanderung in das Russische Reich, der Auswanderung aus der UdSSR oder aus ihren Nachfolgestaaten sowie der Einwanderung nach Deutschland zu machen.

Warum benutzt o[s]tklick den Begriff Russlanddeutsch?

Das ist das Ergebnis verschiedener strategischer und inhaltlicher Überlegungen. Zunächst wollten wir eine Zielgruppe definieren, um den Content möglichst attraktiv gestalten zu können. Wir möchten Menschen ansprechen, die ihre Erfahrungen als Nachfahren der deutschen Kolonist:innen in der Sowjetunion, ihren Nachfolgestaaten oder bereits in Deutschland gemacht haben.

Die Bezeichnungen Wolgadeutsche, Krimdeutsche oder Wolhyniendeutsche erscheinen uns etwas unflexibel, da diese Auflistung nicht abschließend ist und für den Bereich der Social Media etwas sperrig. Die Bezeichnung „Sowjetdeutsche“ erscheint uns aufgrund des ideologischen Hintergrundes, der Deportations- und Unterdrückungserfahrungen der Minderheit in der UdSSR, sowie wegen fehlender Berücksichtigung der Nachfahren der Kolonist:innen, die bereits vor der Gründung der UdSSR das Russische Reich verließen oder nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geboren sind, nicht geeignet. Die Bezeichnungen im Sinne der nationalstaatlichen Logik wie Russlanddeutsche, Kasachstandeutsche, Kirgisiendeutsche usw. erscheinen uns auch nur bedingt geeignet zu sein. Einerseits, weil die Aufzählung auch nicht abschließend wäre und andererseits aus praktischen Gründen, denn für Social Media wäre es etwas schwer umsetzbar.

Wir haben uns dann entschieden, die Bezeichnung Russlanddeutsche zu verwenden. Wir beziehen uns jedoch nicht auf den Nachfolgestaat der Sowjetunion Russland, sondern auf das Einwanderungsland der Kolonist:innen, also das zaristische Russland. Somit versuchen wir einen Spagat zwischen der Einwanderung in das Russische Reich, der Auswanderung aus der UdSSR oder aus ihren Nachfolgestaaten, sowie der Einwanderung nach Deutschland zu machen. Wir möchten damit nicht Unterschiede unkenntlich machen, sondern versuchen, möglichst viele Menschen anzusprechen, die gemeinsame Erfahrungen verbinden. Die Gruppe ist so heterogen, dass es nicht möglich ist, sie mit einem einzigen Begriff überhaupt in Gänze zu erfassen. Teil dieser Einwanderungen waren beispielsweise auch Familien, bei denen nur ein:e Ehepartner:in russlanddeutsch war.

Sollten alle diesen Begriff nutzen?

Wir möchten keine universale Bezeichnung für alle erschaffen, sondern überlassen es jedem Menschen selbst, eine passende Bezeichnung für sich selbst zu finden. Wir besetzen den Begriff Russlanddeutsche neu und nutzen ihn für unsere Arbeit in der politischen Bildung. Außerdem sind wir für neue Vorschläge und Diskussionen offen, solange diese konstruktiv sind und sachlich geführt werden.

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