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Für die Freiheit. Artur Weigandts Plädoyer für Wehrhaftigkeit, ehe es zu spät ist.

PD Dr. Hans-Christian Petersen hat für o[s]tklick das Buch „Für euch würde ich kämpfen: Mein Bruch mit dem Pazifismus“ von Artur Weigandt gelesen.
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„Berlin, Jahr 2033 der Okkupation. 

Die Friedrichstraße ist still – ein Grab aus Asphalt und Beton. Straßenlaternen werfen fahles Licht auf die blassen Fassaden, an denen Plakate in kyrillischer Schrift kleben, hastig über Nacht angebracht: ‚Тишина. Порядок. Сотрудничество – Ruhe. Ordnung. Zusammenarbeit.‘ Der Wind trägt den Geruch von Diesel, nassem Beton und verbranntem Gummi herüber. Mitten auf der Kreuzung, dort wo früher die U-Bahn-Ausgänge waren, hebt ein Bagger ein Loch aus. Die Baggerschaufel frisst sich stoßweise in den Boden, Asphalt splittert, armiertes Gitter knirscht. 

Zwei Männer in dunklen Uniformen stehen daneben, wortlos, mit aufgesetzten Stirnlampen. Ein dritter Mann schiebt einen schwarzen Leichensack auf einer Trage heran. Kein Aufschrei, kein Protest – nur das heisere Rattern der Maschine und das dumpfe Klacken, wenn Gestein auf Stahl trifft. Ein Kind steht am Rand der Absperrung, starrt auf das entstehende Loch. Es fragt nicht. In einem Fenster im dritten Stock flackert kurz eine Taschenlampe – zweimal kurz, einmal lang. Dann wird es wieder dunkel.“

Mit diesem dystopischen Szenario beginnt ein Albtraum des Erzählers, der danach in einen fieberhaften Schlaf fällt. Wir befinden uns in einem militärischen Unterstand im Osten der Ukraine, unweit der Front. Es ist das Jahr 2023, und was im Buch als Traum beschrieben wird, könnte bald Realität werden. Wer das nicht glaubt, möge noch einmal die 28 Punkte des russisch-amerikanischen Diktats lesen, das vor Kurzem durch ein Leak publik wurde. Und sich fragen, was es bedeutet, wenn der Chefunterhändler der US-Regierung die russischen Aggressoren dazu berät, wie sie seinen Chef möglichst für sich gewinnen können und welche Vorschläge sie für ein Ende des Krieges hätten. 

Dystopie und Realität liegen sehr nah beieinander. Wenn wir nicht wollen, dass in der Ukraine noch weitere Jahre Menschen sterben, damit wir (noch) in Freiheit leben können, und wenn wir nicht eines Tages in einem stillen und dunklen Berlin aufwachen wollen, dann müssen wir uns fragen, was wir bereit sind, zu tun. Artur Weigandt hat sich diese Frage gestellt – das Ergebnis ist ein Buch, das einem schonungslosen, öffentlichen Selbstgespräch gleicht, voller Fragen, Ängste und dem Ringen um eine Antwort. Eine Lektüre, die man erst nach der letzten Seite wieder aus der Hand legt. Sie sei allen empfohlen, denen ein Leben in Freiheit etwas wert ist und die ebenfalls Fragen statt vorschneller Antworten haben.

Artur Weigandt ist Journalist und Autor. Mit seiner Familie aus Kasachstan nach Deutschland gekommen und im emsländischen Lingen aufgewachsen, gehört er zu den vielen, postsowjetischen Stimmen in diesem Land, die bereits vor 2022 davor gewarnt haben, was kommen würde – und denen viel zu selten zugehört wurde. Der Vater laut sowjetischem Pass deutsch, die Mutter ukrainisch, ihre Geschwister belarussisch. In seinem ersten Buch „Die Verräter“ beschreibt Artur Weigandt einen Dialog, im Verlaufe dessen er seine Mutter fragt, ob die ukrainische Herkunft des Großvaters die Familie zu Ukrainern mache. Sie antwortet: „Deine Oma ist Belarussin, die Russisch spricht. Dein Großvater ist ein Ukrainer, der kein Ukrainisch kann. Die Mutter Deines Vaters ist eine Russlanddeutsche, die eine Mischung aus Ukrainisch und Russisch gesprochen hat. Der Vater Deines Vaters ist ein Russlanddeutscher, der kein Deutsch kann.“ 

So weit, so normal, in der komplexen, postsowjetischen Welt. Für die Mitschüler des Lingener Gymnasiums egal – für sie war er „der Russe“, nicht selten der „Scheißrusse“. Artur Weigandt beschreibt diese schmerzhaften Kindheitserfahrungen in aller Offenheit und benennt sie als das, was sie sind: Rassismus. Er hätte also allen Grund, sich der deutschen Gesellschaft nicht besonders verbunden zu fühlen, geschweige denn, öffentlich darüber zu sinnieren, ob er für sie sein Leben riskieren und in den Kampf ziehen würde. Und doch tut er es. Weil er aufgrund der sowjetischen Gewalterfahrungen seiner Eltern und Großeltern, aber auch aufgrund eines persönlichen Lernprozesses weiß, dass ein auf vielen Ebenen zu kritisierendes Europa immer noch einen Unterschied ums Ganze macht gegenüber einem Leben unter russischer Besatzung. Butscha, Irpin, Mariupol und viele andere Orte legen hiervon Zeugnis ab.

Es ist dieser Punkt, den viele sich als „links“ begreifende Menschen im vermeintlich sicheren, westlichen Europa nicht verstehen wollen. Artur Weigandt kennt diese Debatten, ausführlich schildert er seine Sozialisation in autonomen Zentren und auf Demonstrationen der linken Szene im Frankfurt am Main der zweiten Hälfte der 2010er Jahre, bereits nach Russlands Annexion der Krim und dem Beginn des Kriegs gegen die Ukraine im Donbass. Manche dieser Passagen wirken etwas holzschnittartig – Palitücher, Lenin, Nebelschwaden, selbstgedrehte Zigaretten – aber wer selbst eine vergleichbare Biografie hat, weiß, dass es im Kern stimmt, und dass vor allem der Hauptfeind immer „der Westen“ war, allen voran die USA, nicht selten als Synonym für Israel. 

Es gehört zu den großen Stärken des Buches, das es vor lauter Selbstkritik nicht ins Gegenteil, ins Unerbittliche verfällt. Artur Weigandt hat seine Kritik an gesellschaftlichen Missständen und das Streben nach einer befreiten Gesellschaft nicht vollständig über Bord geworfen, sein besonderer Dank am Ende des Buches gilt der antifaschistischen Gruppe RadicalAidForce, die als Anarchist*innen den Überlebenskampf der Ukraine unterstützen. Eine solche, praktische Solidarität ist Lichtjahre von der privilegierten Positionierung eines Ole Nymoen entfernt, der aus sicherer Entfernung und mit einer antikapitalistischen Attitüde nicht mehr zwischen bürgerlichen Demokratien und Diktaturen unterscheiden will und die Menschen in der Ukraine kurzerhand vor den Bus und in den Albtraum russischer Okkupation wirft. Karl Schlögel hat eine solche Haltung wenige Monate nach dem Februar 2022 treffend beschrieben: „Wer den Bedrohten nicht beisteht, der hat den Antifaschismus verraten.“ 

Artur Weigandt plädiert demgegenüber für Wehrhaftigkeit. Und zwar für eine Wehrhaftigkeit, die nicht erst beim Militärischen beginnt, sondern die eine Haltung beschreibt. Er tut dies vor dem Hintergrund zahlreicher Aufenthalte an der Front, Gesprächen mit ukrainischen Soldaten und Zivilist*innen und nach einer halbjährigen Tätigkeit als Übersetzer auf einem Ausbildungsplatz für ukrainische Panzerfahrer in Brandenburg. Im Gegensatz zu vielen anderen, die sich permanent mit Forderungen nach Frieden und Diplomatie zu Wort melden, weiß er also, wovon er spricht. Entsprechend hart und direkt ist das Buch, die Schilderungen der Menschen, die tagtäglich unter russischen Bombardements zu überleben versuchen, sind erschütternd. Der Schmerz kennt hierbei keine Entfernung – Wadim, ein ukrainischer Soldat auf dem deutschen Ausbildungsplatz, hält Artur Weigandt mit glasigen Augen sein Handy hin: „Meine Frau hat mir ein Video geschickt. […] Mein Sohn spielt Geige. In einem Kinderorchester, 400 Kilometer von hier. Ich hab‘ ihn fast zwei Jahre nicht gesehen. Ich seh‘ zu, wie er groß wird – auf einem kaputten Display. Ich höre Beethoven durch Lautsprecher, die knistern. Und ich bin hier. Bei den Panzern. Bei euch. Im falschen Leben.“

Artur Weigandt verfällt trotz dieser existentielle Erfahrungen nicht in Nationalismus. Im Gegensatz zu Ole Nymoen geht es ihm nicht um „mein Land“, sondern um Freiheit. Und dies als Lehre aus der deutschen Geschichte – denn, wie Werner, ein früherer Fließenlegemeister aus Schweinfurt, der seit dem Februar 2022 als Freiwilliger in ukrainischen Kranken- und Waisenhäusern hilft, es formuliert: „Nie wieder – das bedeutet, nie wieder tatenlos zuzusehen.“ Oder, in den Worten von Hyäne, einem Soldaten, mit dem Artur Weigandt in den Osten der Ukraine fährt: „Für mich war es keine Frage. Es war einfach da. Wie ein Feuer. Wenn Du nicht löschst, brennt Dein Haus. […] Außerdem – wenn ich nicht kämpfe, wer dann? Die, die geflohen sind? Die, die diskutieren? […] Ich war kein Held, bevor das anfing. Ich bin auch jetzt keiner. Ich bin einfach jemand, der nicht wollte, dass andere für ihn sterben.“

Die Wehrhaftigkeit, für die Artur Weigandt streitet, hat mehr als nur die militärische Dimension, auf die sie in der deutschen Diskussion oft verkürzt wird. Wehrhaftigkeit beschreibt eine innere Haltung, die darum weiß, dass Freiheit kein Geschenk ist, sondern tagtäglich gelebt und im schlimmsten Fall auch verteidigt werden muss. Auch vom Autor selbst? Das Buch endet mit der Wiedergabe eines Gesprächs zwischen Artur Weigandt und seinen Eltern über genau diese Frage. Argumente gehen hin und her, Zweifel und Ängste werden artikuliert, geht es doch um den Einsatz des eigenen Lebens bzw. des eigenen Kindes. Am Ende, im Epilog, steht dann das Plädoyer für eine „Entschlossenheit, eine Welt zu hinterlassen, in der das Lachen unserer Kinder nicht von Sirenen übertönt wird. Dafür streite ich. Dafür würde ich kämpfen. Manchmal denke ich noch an diesen Albtraum. An Berlin unter Besatzung. An die Stille in der Friedrichstraße. An die Filtrationslager. An die Gruben, die in der Stadt ausgehoben werden, und ich hoffe, dass wir nie so weit kommen. Aber hoffen reicht nicht mehr. Wir müssen für unsere Hoffnung und unsere Worte einstehen.“

Wie auch immer die individuelle Antwort auf diese existentielle Frage ausfällt – wir sollten sie uns zumindest stellen, anstatt sie weiter zu verdrängen, weil wir es uns vermeintlich (noch) leisten können. Das ist das Mindeste, was wir für die Menschen in der Ukraine tun können. Artur Weigandt hat hierzu das Buch der Stunde geschrieben.

Hans-Christian Petersen ist Osteuropahistoriker und Dozent an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Gemeinsam mit Jannis Panagiotidis (RECET Wien) ist er der Autor von „Antiosteuropäischer Rassismus in Deutschland. Geschichte und Gegenwart“ (2024).

Buchcover: C.H. Beck Verlag

Foto Hans-Christian Petersen: privat

 

 

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