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Sauerkraut als Safe Space

Wie junge Russlanddeutsche über materielle Objekte die Sprachlosigkeit ihrer Familien überwinden, um Identitäten ringen und klare Kante gegen den Rechtsruck zeigen.
Design ohne Titel

Sibirischer Winter, minus 30 Grad. Auf dem Balkon einer Plattenbauwohnung in Jekaterinburg steht ein zehn Liter fassender emaillierter Eimer. Darin gefrorenes Sauerkraut, hart wie Granit. Für eine Portion zum Abendessen muss Anastasia die Balkontür aufreißen, dem klirrenden Frost trotzen und die eiskalten Brocken mit einer Schöpfkelle abkratzen.

Wer in Deutschland an die Migration von über 2,3 Millionen Aussiedler:innen und Spätaussiedler:innen aus der ehemaligen Sowjetunion denkt, hat selten gefrorenes Sauerkraut vor Augen. In der Mehrheitsgesellschaft dominieren bis heute verengte Zerrbilder: der Gopnik im Adidas-Trainingsanzug, Klischees von unkritischer Russenfolklore oder pauschale Stempel als AfD-Wähler:innen.

Der Anthropologe Arjun Appadurai sprach vom „sozialen Leben der Dinge“ (social life of things). Gegenstände besitzen eigene Biografien: Ihre Bedeutung wandelt sich, je nachdem, durch welche gesellschaftlichen Räume sie wandern. Im Kontext von Migration werden sie so oft zu Erinnerungsträgern. Für viele Russlanddeutsche stehen solche Alltagsgegenstände stellvertretend für eine komplexe Familiengeschichte, die oft von Traumata und Schweigen geprägt ist.

Ein Eimer Sauerkraut, ein zerschnittener Teppich, ein kaputtes Instrument und eine vergilbte Bibel: Für diesen Text haben vier Personen russlanddeutscher Herkunft von den Gegenständen erzählt, die ihnen dabei geholfen haben, die eigenen Familiengeschichten besser kennenzulernen. Ihre Erfahrungen zeigen, wie die Aufarbeitung familiärer Traumata zum Werkzeug gegen den Rechtsruck wird.

I: Ein zerschnittener Teppich und Erinnerungen im Wandel

Als Elisabeths Eltern 1994 beschließen, aus Kasachstan nach Deutschland auszuwandern, besteigen sie den Zug mit spärlichem Handgepäck und einem schweren Perserteppich. Warum sie ausgerechnet diesen unhandlichen Gegenstand mitnahmen und dafür andere Wertgegenstände zurückließen, wissen die Eltern bis heute selbst nicht genau. In der Familie wurde die Geschichte zum Dauerwitz.

In Kasachstan hing der Teppich aus rein pragmatischen Gründenan der Wand, um die Winterkälte abzuhalten. In Deutschland wanderte er durch sämtliche Räume der Familie, bis er schließlich im Kinderzimmer der jungen Elisabeth landete. Acht Jahre lang teilten sich die beiden die neun Quadratmeter. Stundenlang veranstaltete Elisabeth Rennen mit Spielzeugautos entlang der geknüpften Strukturen und folgte mit den Fingern den geometrischen Verflechtungen. Das Wolltuch habe sich für sie wie ein royales Relikt angefühlt: „Ein leuchtendes Feuerwerk aus Sonnenuntergangsfarben: tiefes Blau, feuriges Rot und klares Gelb.“

Eine kurze Geschichtsstunde

Elisabeth, 24-jährige Studentin der Innenarchitektur, wurde als erste der vier Geschwister in Deutschland geboren; ihre zwei älteren Schwestern kamen noch in Kasachstan zur Welt. Mit den Kindern sprachen die Verwandten zwar nie über die Familiengeschichte, doch am Esstisch unterhielten sich die Älteren offen untereinander – allerdings auf Russisch, einer Sprache, die Elisabeth nicht aktiv beigebracht wurde:

Ich habe schon immer gewusst, dass wir irgendwie anders sind: wir haben zwei Sprachen, wir fahren ein bisschen zweigleisig, wer weiß, was wir sind. Wahrscheinlich sind wir Russen, wir reden Russisch – das war das Einfachste, was ich als Kind vorstellen konnte. Und dann, je mehr ich von dieser Sprache selber verstand und wusste, worum es geht… Dann merkte ich: da stimmt etwas nicht. Wir sind gar nicht aus Russland. Wir sind aus Kasachstan. Was für ein Land ist das?

Als Teenager im Alter von 12 Jahren begann Elisabeth im Internet nach Fakten zu suchen, fand dabei aber nicht viel. Das bisschen Wissen reichte ihr aber als Grundlage, um ihren Großvater nach seinen Erfahrungen zu befragen. In der 10. Klasse entdeckte sie im Geschichtsbuch eine Seite über die Russlanddeutschen und freute sich ein Schuljahr lang darauf, zum Thema im Unterricht beizutragen. Doch am Schuljahresende folgte die Enttäuschung: Aus Zeitnot überging die Lehrkraft das Kapitel komplett.

Diese Erfahrung im Klassenzimmer steht beispielhaft für ein strukturelles Desinteresse: Weil die Geschichte der Spätaussiedler:innen in Schulen und Medien kaum stattfindet, fehlt der Aufnahmegesellschaft bis heute jedes Fundament, um diese Gruppe zu verstehen. Wenn Russlanddeutsche überhaupt thematisiert werden, geschieht das meist nur verkürzt am Rande von Wahlen oder anhand von Vorurteilen, sagt Elisabeth:

Ich habe manchmal das Gefühl, dass sie gar nicht verstehen, worauf wir hinaus möchten. Es geht ja nicht darum, mit dem Finger draufzuzeigen und zu sagen: “Ah, wir hatten es total schlimm und tragen so viel Trauma mit uns herum”. Es geht um das Bedürfnis, Fuß in der Gesellschaft zu fassen und zu erklären, warum manche Russlanddeutsche so handeln, wie sie handeln. Weil man dann doch in den Medien bei irgendwelchen Wahlen ganz am Rande zutage kommt.

Wenn Elisabeth heute nach ihrer Herkunft gefragt wird, reagiert sie meist mit einem Lachen. In ihrem Kopf rattern sofort die verschiedenen historischen Nuancen durch:

Entweder frage ich die Leute: ‚Hast du kurz Zeit für eine Geschichtsstunde?‘ Oder ich benutze die Kurzversion: ‚Wir sind eigentlich Deutsch, aber meine Eltern kommen aus Kasachstan‘ – und mache den Deckel drauf. Weil das für mich manchmal einfach ein Konfliktthema ist. Und dadurch, dass es für mich keine eindeutige Antwort gibt, möchte ich den anderen Leuten auch keine eindeutige Antwort geben. Weil es so Labels sind, die ich auch benutze, mit denen ich mich aber nur halb identifiziere.

Mottenflecken

Irgendwann fraßen Motten ein Loch in das hintere Eck des aus Kasachstan mitgebrachten Teppichs. Elisabeths Eltern schnitten ihn daraufhin in Stücke und verteilten die einzelnen Teile an verschiedenen Orten im Haus. Was heute noch übrig ist, misst kaum mehr als ein DIN-A3-Blatt und dient als Fußabtreter im Keller. Für Elisabeth hat dieses Teppichschicksal eine gewisse Symbolik:

Vielleicht darf man nicht zu sehr an den Gegenständen festhalten. Aus den Dingen, die du hast, etwas Neues zu machen, ist auch irgendwie ein Geschenk. Auch wenn die Erinnerungen einfach nur Erzählungen sind – und wir wissen ja, wie Erzählungen sind: jedes Mal ein bisschen anders – sie sind genauso im Wandel. Geschichten verändern sich, manche Teile werden totgeschwiegen, und sie sind dann einfach verloren. Aber wir nehmen das, was wir bekommen, und machen damit weiter.

II: Sauerkraut und Self-Empowerment

Das Sauerkraut im sibirischen Winter auf dem Balkon zu lagern, habe ganz pragmatische Gründe, erklärt Anastasia: Es verhindert den intensiven Geruch in der 50-Quadratmeter-Wohnung, deren Heizungen auf Maximum laufen. Wer eine Portion benötige, müsse kurz mit der Kälte kämpfen. In den Schüsseln in der Küche würden die gefrorenen Sauerkrautbrocken dann auftauen.

Diese besondere, leicht gefrorene Textur und die Frische sind für Anastasia bis heute unersetzlich. Aus demselben Eimer bedienten sich in ihrem alten Zuhause zwei Esskulturen: Auf der belarussischen Seite der Mutter wurde das Sauerkraut roh mit etwas Sonnenblumenöl und frischen Zwiebeln abgestimmt und zu kochenden Kartoffeln serviert. Auf der wolgadeutschen Seite des Vaters bildete das Sauerkraut die Basis für den traditionellen Krautenbrei.

Seit 6 Jahren macht Anastasia ihr Sauerkraut in Leipzig selbst. Sie bezeichnet sich schmunzelnd als „Sauerkraut-Ultra“, deren Konsum selbst süddeutsche Bekannte staunen lässt:

Das nährt nicht nur meinen Magen, das nährt meine Seele. Sauerkraut als Safe Space – das klingt absolut absurd, aber es ist wirklich so. Es ist das ultimative Comfort Food, das mich zu jeder Zeit in eine sichere seelische Ruhe versetzt.

Rückeroberung der Sprache

Die 27-jährige Sprachwissenschaftlerin wuchs im sibirischen Jekaterinburg in einem russischsprachigen Haushalt auf. Obwohl in der Familie die deutsche Herkunft außer Frage stand, verweigerte ihr Vater es, ihr den wolgadeutschen Dialekt beizubringen – vermutlich aus Angst vor Diskriminierung. „Aber ein Mädchen mit dem Nachnamen Rutz wird so oder so gemobbt“, fügt Anastasia hinzu und erzählt von dem Spitznamen „Hitler im Rock“ [“Гитлер в юбке”], den ihre Schwester in der Schule bekommen hat.

Erst mit 19 Jahren begann Anastasia, an einer russischen Universität Deutsch zu lernen: Jeder Grammatikfehler habe sich für sie dabei wie ein „Verrat an der Familie“ angefühlt. Als sie in einer Präsentation erklärte, sie lerne Deutsch, weil es ihre eigene Kultur sei, lachte die russische Dozentin sie aus – viele Menschen wissen in Russland heutzutage nicht, dass dort seit über zweihundert Jahren eine deutsche Minderheit lebt. Noch weniger wissen, welcher gewaltsamen Geschichte diese Minderheit ausgesetzt war.

Das liegt daran, dass auf offizieller Ebene bis heute keine Aufarbeitung der stalinistischen Repressionen stattfindet. Unabhängige Zivilgesellschaften und Menschenrechtsorganisationen wie Memorial, die über Jahrzehnte hinweg die entscheidende historische Aufklärungsarbeit leisteten und das Gedenken an die Opfer wachhielten, wurden vom russischen Staat jahrelang systematisch gängelt und verfolgt – im Falle von Memorial bis hin zu ihrer Einstufung als „extremistische Organisation“ im April 2026.

Heute hat Anastasia eine reflexive Lösung für ihr Sprachenschicksal gefunden: Sie hat Russisch zu ihrem wissenschaftlichen Forschungsobjekt gemacht, während Deutsch zu ihrer primären Alltagssprache geworden ist:

Ich habe meine Identität in meine eigenen Hände genommen und gesagt: Jetzt hole ich mir das zurück, was mir durch historische Umstände weggenommen wurde.

Antonyme

Als Sprachwissenschaftlerin zieht Anastasia einen analytischen Vergleich zwischen ihren Erfahrungen in Russland und jenen in Deutschland. Die Mechanismen der Ablehnung funktionieren für sie genau wie grammatikalische Antonyme (Gegenteile):

Antonyme haben denselben semantischen Kern und unterscheiden sich nur durch eine einzige Komponente – wie “warm” und “kalt”, wo der Kern die Wahrnehmung von Temperatur ist. Das Gleiche habe ich bei den Reaktionen in Russland und Deutschland erlebt. Der semantische Kern lautet in beiden Ländern: “Du bist nicht eine von uns, du bist anders”. In Russland lautet die Inversion: “weil du deutsch bist". In Deutschland lautet sie: “weil du russisch bist".

Kein rechter Beigeschmack

Wenn Anastasia über die Deportation von 1941 spricht, geht es ihr nicht um das starre Festhalten an ethnischer Identität, sondern um eine Ungerechtigkeit, die bis heute anhält:

Das ist für mich keine Sache der Ethnizität, das ist eine Sache der Gerechtigkeit. Wir bleiben immer noch das einzige Volk, das in der Russischen Föderation nicht vollständig rehabilitiert wurde: Im Vergleich zu anderen deportierten Völkern wie Tschetschenen, Inguschen, Kalmücken, Karatschaiern oder Balkaren wurde die Republik der Wolgadeutschen nie wiederhergestellt. Ich weiß genau, was uns angetan wurde, und ich weiß, dass es so nicht bleiben darf. Mein ethnischer Hintergrund ist nicht mein Ziel – er ist der Startpunkt für meine bürgerliche Position.

Aus dieser Haltung heraus zieht sie eine Trennlinie zu rechten Narrativen:

Antonyme haben denselben semantischen Kern und unterscheiden sich nur durch eine einzige Komponente – wie “warm” und “kalt”, wo der Kern die Wahrnehmung von Temperatur ist. Das Gleiche habe ich bei den Reaktionen in Russland und Deutschland erlebt. Der semantische Kern lautet in beiden Ländern: “Du bist nicht eine von uns, du bist anders”. In Russland lautet die Inversion: “weil du deutsch bist". In Deutschland lautet sie: “weil du russisch bist".

Mit Blick auf das Erstarken der AfD, Ausländerfeindlichkeit und den gesellschaftlichen Rechtsruck sieht Anastasia Menschen mit ähnlichen Familiengeschichten in der Pflicht:

Wir müssen dieses Erbe in gesellschaftliche Aktivität umwandeln, anstatt einfach draufzusitzen. Wir müssen verhindern, dass die Generationen, die nach uns kommen, mit denselben Problemen zu tun haben – mit Xenophobie, Hass in der Schule und dem Geraten in Vergessenheit. Niemand darf problematisch sein, nur weil er anders ist. Oder weil er viel zu viel Sauerkraut isst. Zum Beispiel.

III: Akkordeon und die Vielschichtigkeit

Im Wohnzimmer von Michaels Berliner Wohnung steht eine schwarze Holzbox, bedeckt mit vergilbten weißen und schwarzen Tasten und zwei abgegriffenen Ledergurten. Es ist das alte Akkordeon seines Großvaters. Als Michael vor einiger Zeit versuchte, das verstaubte Instrument bei einem Fachmann reparieren zu lassen, winkte dieser ab: Er habe schon Instrumente in weit besserem Zustand weggeworfen. Doch Wegwerfen ist für den 23-jährigen Studenten der Klassischen Archäologie und Slavistik ausgeschlossen:

Für jemanden, der Akkordeons professionell verkauft, ist das keine Frage – der wirft es weg, wenn man es nicht benutzen kann. Aber für mich geht das einfach nicht. Das ist eine Erinnerung an meine Familie.

Vielschichtigkeit

Michael ist 2003 in Berlin geboren und hat seine Kindheit mit anderen russischsprachigen Kindern auf den Marzahner Straßen verbracht. Geschichtsinteressiert war er schon immer. Doch dass seine eigene Familie direkt mit den großen Umbrüchen des 20. Jahrhunderts verwoben war, begriff er erst spät:

Eigentlich ist es komisch. Bei mir hat es erst nachher Klick gemacht, als ich gemerkt habe: Oma hat ja einen deutschen Namen, und meine Freunde hatten auch alle deutsche Nachnamen. Da hat es Klick gemacht: Wir sind doch keine Russen, wir sind eigentlich Deutsche. Wirklich schade, dass man so etwas nebenbei mitbekommen hat.

Michaels Stammbaum entzieht sich Schablonen: Sein Vater war halb Kasache, halb Tatare, die Mutter vereint russische und deutsche Wurzeln. Anders als bei vielen Deutschen in der Sowjetunion wurden seine Vorfahren mütterlicherseits nicht erst 1941 wegen ihrer deutschen Nationalität politisch verfolgt, sondern bereits ein Jahrzehnt früher, im Zuge der gewaltsamen „Entkulakisierung“ der 1930er-Jahre.

Während Michael sich in Marzahn zu Hause fühlt, lebt seine Mutter bis heute mit einer tiefen Entfremdung. In der deutschen Aufnahmegesellschaft hat sie nie wirklich Fuß fassen können:

Sie fühlt sich sehr out of place. Sie fühlt sich russisch und hat viel Nostalgie an die Zeit in Kasachstan. Sie fühlt sich distanziert vom Deutschsein und von den Deutschen generell.

Für Michael hat Identität keine feste Substanz, und das sieht er als Bereicherung:

Ich war noch nie in Russland, ich war noch nicht in Kasachstan, ich weiß nicht, wie ich mich da fühlen würde, aber... например, на работе [zum Beispiel, auf der Arbeit], so eine Stunde vor der Ladenöffnung... Es sind ja keine Kunden da, wir können Musik hören. Und dann mache ich russische Musik an und dann sagen die, oh, aber du sprichst russisch, du bist ja Russe? Dann fühle ich mich как русский [russisch]. Wenn ich jetzt in einer Umgebung bin, wo viele Russen sind oder russischsprachige Deutsche, dann rede ich mit ihnen auf Russisch und dann würde ich sicherlich sagen, я немец, я здесь родился [ich bin deutsch, ich bin hier geboren]. Es ist so eine Vielschichtigkeit. Ein Moment ist man da, ein Moment ist man da. Und das ist für mich keine negative Erfahrung.

Michael hat selbst gelernt, Akkordeon zu spielen. Obwohl er dem alten Erbstück keinen Ton mehr entlocken kann, plant er, sich bald ein funktionierendes Instrument zu kaufen, um die Musik des Großvaters weiterzuspielen. Seinen zukünftigen Kindern möchte er mitgeben: „Du bist vielschichtig – ein Teil war Deutscher, einer Russe, einer Kasache. Vergiss nichts davon.“

IV: Die Bibel und der sich schließende Kreis

In einem Durchgangszimmer des Elternhauses, an dem Tatjana als Kind täglich vorbeilief, lag ein Buch im abgewetzten Ledereinband. Je größer sie wurde, desto mehr rückte die weiter oben im Regal stehende Familienbibel auf Augenhöhe. Der Buchrücken war mit durchsichtigem Klebeband gefestigt, damit er nicht auseinanderfiel; die Seiten vergilbt, an den Rändern eingerissen und mit handschriftlichen Notizen versehen. Ein Relikt, das schätzungsweise weit über 200 Jahre alt ist. Für Tatjana besaß das Buch zunehmend eine magische Anziehungskraft:

Man kann sich nur ausmalen, welchen Weg dieses Buch hinter sich hat. Ich liebe Fantasy-Bücher, und diese Bibel funktioniert wie so ein Portschlüssel, der einen direkt in die Erinnerungen hineinführt.

Eine Brücke zur Familiengeschichte

Die Bibel erlebte die turbulente Familiengeschichte mit. Im 18. Jahrhundert reiste sie mit den deutschen Auswanderern ins Russische Kaiserreich. 1941 überstand es die stalinistische Deportation und begleitete die Großmutter später ins Zwangsarbeitslager. Als Tatjanas Mutter 1992 nach Deutschland ausreiste, nahm sie das Buch mit. Im darauffolgenden Jahr starb die Großmutter und Tatjana kam in Papenburg zur Welt.

Dort wuchs sie in einer Umgebung auf, in der Menschen mit ihrer Familiengeschichte als „anders“ gesehen wurden. Auf dem Schulweg wurde die Ausgrenzung ganz konkret: Ein Mitschüler lief hinter Tatjana her, schubste sie wiederholt in den Rücken und beschimpfte sie als „scheiß Russin“. Später auf dem Gymnasium war sie von „Heikes und Lenas“ ohne Migrationsgeschichte umgeben. Auch ihr Vorname sorgte immer wieder für Fragen. Zuhause fand Tatjana darauf kaum Antworten. Vom Vater gab es nur eine kurze Ansage: „Wir sind Deutsche, Punkt.“

Erst in ihrem Studium der Integrierten Europastudien an der Universität Bremen, in dem sie mehr über die Geschichte der Sowjetunion erfuhr, konnte Tatjana eine Verbindung zur eigenen Familie herstellen. Dadurch wusste sie dann besser, „wonach man überhaupt fragen muss“.

Beim Nachfragen half dann ein weiteres Buch: Tatjana stieß auf das autobiografisch geprägte Werk Das Gedächtnis der Töchter der Autorin Irene Langemann, das sich mit den Erfahrungen russlanddeutscher Frauen auseinandersetzt. Sie schenkte es ihrer Mutter, die darin einen Anker für ihre eigenen Erfahrungen fand. Im Rahmen eines Projekts des Kulturreferats für Russlanddeutsche begann Tatjana schließlich selbst, biografische Interviews mit ihrer Mutter zu führen; die Bibel diente dabei als Ausgangspunkt:

Ich hatte das Gefühl, das waren Dinge, die meine Mutter ewig nicht ausgesprochen hatte. Es war schmerzhaft, aber extrem heilsam. Es war, als ob meine 1993 verstorbene Oma durch diese Gespräche plötzlich mit uns am Esstisch saß.

Das Ringen mit dem Begriff „Russlanddeutsche“

Im Rückblick betrachtet Tatjana die Bezeichnung „Russlanddeutsch“ vielschichtig. Zwar wird der Begriff oft als ungenau oder vereinfachend kritisiert, doch für ihr jüngeres Ich war er eine wichtige Orientierungshilfe:

Sobald ich den Begriff hatte, war es irgendwie okay, beides gleichzeitig und nichts von beidem so richtig zu sein. Es war einfach klar: es gibt diese Geschichte und diese Menschengruppe und deswegen sind wir jetzt auch hier. Jetzt kann ich das auch erklären, wenn jemand Fragen stellt.

Heute braucht Tatjana selbst diese Schublade nicht mehr. Während ihres Studiums lernte sie, nationale und ethnische Kategorien zu dekonstruieren – damit fiel auch der Druck weg, sich selbst zwingend darüber definieren zu müssen. Das Russlanddeutschsein sieht sie heute als den historischen Hintergrund ihrer Familie.

Kettenreaktionen

Wie wirkmächtig fremde Zuschreibungen sind, zeigte sich für Tatjana erneut mit dem Beginn des erweiterten Angriffskriegs Russlands gegen die Ukraine. Im öffentlichen Diskurs in Deutschland seien alte Stereotype wieder aufgebrochen: Russlanddeutsche seien im Alltag schnell pauschal als „die Russen“ eingeordnet worden. An russlanddeutsche Personen in Tatjanas Umfeld sei die neue Frage herangetragen worden: wie sie eigentlich zum Krieg stünden.

Gleichzeitig beobachtet sie innerhalb der eigenen erweiterten Verwandtschaft, wie genau diese Klischees mitunter bedient werden:

Die Leute wissen nicht um ihre eigene Geschichte, fühlen sich hier nicht zugehörig und laufen dann in die offenen Arme von irgendwelchen Propaganda-Narrativen.

Analysen der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) stützen Tatjanas Sorge vor solchen Manipulationsmechanismen: Untersuchungen zeigen, dass der russischsprachige russlanddeutsche Medienraum und organisierte rechte Netzwerke gezielt dazu beitragen, ultrarechte und pro-russische Narrative in Deutschland zu normalisieren. Wo fundiertes historisches Wissen in den Familien fehle, würden diese Narrative auf fruchtbaren Boden treffen:

Ich habe das Gefühl, ich bewege mich in einem Mikrokosmos von Menschen, die sich mit ähnlichen Themen auseinandergesetzt haben. Und dann guckst du nach außen, wo plötzlich die AfD gewählt wird, und denkst dir: why though?

Den blinden Fleck ausleuchten

Ihre eigene Familiengeschichte sieht Tatjana im kollektiven Gedächtnis Deutschlands zurzeit kaum repräsentiert. Das betrifft ihrer Meinung nach jedoch nicht nur den russlanddeutschen Kontext:

Mein familiärer Hintergrund ist die russlanddeutsche Geschichte, und es ist eine sehr große Gruppe, die hier in Deutschland schon seit mehreren Jahrzehnten und über mehrere Generationen lebt. Und dann gibt es aber noch so viele andere Gruppen, die aus anderen Gründen hier hingekommen sind. Mein Eindruck ist, dass dahingehend ein großer blinder Fleck besteht, dass sich mit diesem Faktum von Migrationsgesellschaft nicht auseinandergesetzt wird.

Um diesen Fleck auszuleuchten, scheint für sie ein Umdenken im Bildungssystem wichtig. In Schulen dürfe nicht länger nur eine Territorialgeschichte gelehrt werden, die an den deutschen Grenzen haltmacht. Nötig sei eine echte „Verflechtungsgeschichte“, die aufzeigt, wie sehr die deutsche Gegenwart von Migrant:innengeschichten geprägt ist. Nur wenn bereits Kindern Faktenwissen über Diskriminierung und Migrationsrealitäten vermittelt wird, entsteht die notwendige Sensibilität, um Fremdenfeindlichkeit zu erkennen und eine offene Gesellschaft zu verteidigen.

Tatjana möchte die Familienbibel eines Tages von ihrer Mutter übernehmen und als Anker nutzen, um zukünftigen Generationen die Familiengeschichte weiterzuerzählen. Sie hofft, dass „sich immer wieder neue Menschen finden, die sie weitertragen, damit dieser lange Weg, den sie hinter sich hat, hoffentlich in schönere Zeiten führt.“

Der Artikel ist im Rahmen eines Fellowships am Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung entstanden. Weitere Informationen dazu sind hier zu finden.

Polina Eremenko verbindet dokumentarisches Erzählen mit der poetischen Sprache der Animation und setzt sich dabei mit den Themen der Identität, Erinnerung und Repression in der Sowjetunion auseinander. Darüber hinaus schreibt sie gerne über die Kulturen und das Kino Mittel- und Osteuropas. Sie hat einen Masterabschluss in Medien- und Kommunikationswissenschaften und absolviert derzeit ein zweites Masterstudium im Bereich der Transregionalen Studien zu Mittel- und Osteuropa.

Foto der Autorin: IOS, Valentin Kordas

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