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Natalie Stanczak: Meine Augen sehen im Dunkeln

Versprechen an sich selbst: Die eigene Wahrnehmung nicht (allein) vom Blick der Anderen bestimmen zu lassen. Natalies Fotos erzählen von ihrer vielschichtigen Auseinandersetzung mit der eigenen Herkunt.
NataliaKarolinaStanczak

In Deutschland war ich immer die Polin und in Polen immer die Deutsche. Ich erinnere mich noch genau an den Geruch des Hausganges, wenn ich zu meinen Großeltern hinauflief. Dieser Türknauf zum Drehen. Und die Tür beklebt mit Holzfolie. Ein Fenster im Bad, das zur Küche hinaus geht.

Es sind die unausgesprochenen Geschichten, die in den Gesichtern meiner Familie verweilen, die unauslöschlichen Spuren, die den Weg für mich geebnet haben.

Antislawismus ist der Schatten, der über unserer Familiengeschichte schwebt. Und es ist dieser Blick der Anderen, der diesen Weg auf seltsame Weise tangieren. Die Gesellschaft, ein prägender Akteur, stellt mich in Frage und verwischt das tatsächlich Geschehene. Sie schreibt ihre eigene Geschichte. Über uns. Über mich. Und ich hätte sie so gern alleine erzählt. Welche Rolle spielt diese eine Gesellschaft in der Betrachtung meiner Herkunft? Welchen Einfluss hat sie auf meine Erinnerungen, auf mein Gefühl dafür? Wie formt sie meine Perspektive auf dieses Land, aus dem wir geflohen sind? Ich suche nach Wahrheiten, die oft verborgen bleiben.

Meine Augen sehen im Dunkeln.

Dieses Werk ist mein Blick durch Zeit und Raum, durch alte und neu geschaffene Erinnerungen. Durch fotografische Biografieforschung versuche ich, die Doppelbindung zu entwirren, wegzuschauen, hineinzuschauen, mich zu erinnern und zu vergessen, um das Gefühl für meine Herkunft zu finden. Selbst zu bestimmen. Ich werde hier vielleicht nicht alle Antworten finden, aber ich habe einen neuen Blick dafür entwickelt. „Meine Augen sehen im Dunkeln.“ Diese Metapher soll nicht nur ein Titel sein, sondern vor allem ein Versprechen an mich selbst – ein Versprechen, dass der Blick der Anderen nicht meinen Blick für das Sanfte verschließt. Für dieses ganz sanfte Gefühl, weil ich hier bin.

mapy - Landkartenlinien

Natalie Stanczak ist dokumentarische Familienfotografin und Soziologin. In ihren Arbeiten finden sich die Gesichter wieder, die aus Diskursen gestrichen wurden. Fast unscheinbar und dabei in aller Deutlichkeit rufen ihre Bilder ganze Geschichten hervor. Von einzelnen Spuren bis hin zu einer kollektiven Archivierung, widmet sie sich mit ihrer Kunst der Sensibilisierung von struktureller Ungleichheit, Intersektionalität, Solidarität und Verbundenheit.

Mehr zu Natalies Arbeit auf ihrer Homepage.


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